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„Die Ukraine ruft – wir antworten!“


Unterstützung für Kriegsopfer: Der große Luxemburger Hilfskonvoi in die Ukraine musste unterwegs einige Hürden überwinden. Die große Reportage.

Konvoi in die Ukraine

Michael MERTEN

Unterstützung für Kriegsopfer: Der große Luxemburger Hilfskonvoi in die Ukraine musste unterwegs einige Hürden überwinden. Die große Reportage.

„Oh Mann …“, sagt Thomas Jankowoy, während er den Schlüssel umdreht und den Motor der roten Ambulanz mit den gelben Streifen abstellt. Mit müden Augen schaut er um sich und sagt: „Die nächste Stunde wird schwer …“

Es ist 2.40 Uhr in der Früh, Jankowoy und die anderen Teilnehmer des Konvois sollten eigentlich längst in einem Hotelbett im ukrainischen Lviv liegen. Doch stattdessen stehen sie jetzt im Stau an der polnisch-ukrainischen Grenze und müssen warten.


Morgens, 2.40 Uhr an der polnisch-ukrainischen Grenze: Thomas Jankowoy (links) und Serge Wagener kämpfen gegen ihre Müdigkeit an.

Morgens, 2.40 Uhr an der polnisch-ukrainischen Grenze: Thomas Jankowoy (links) und Serge Wagener kämpfen gegen ihre Müdigkeit an.

Foto: Michael Merten

Vor der Windschutzscheibe taucht ein Feuerwehrmann auf und nähert sich dem Fahrerfenster. „Ich habe eine ganz wichtige Frage an dich“, sagt Serge Wagener mit einem ernsten Blick, der sich dann schnell in ein verschmitztes Lächeln verwandelt: „Hast du noch Red Bull übrig?“ Jankowoy lächelt zurück und reicht dem Weggefährten eine Dose aus dem Fresspaket, das er unter seinem Fahrersitz verstaut hat. Das Getränk kann er verschmerzen; er könne Energydrinks sowieso auf zehn Meter nicht riechen, sagt der 57-Jährige. Doch auf die ewig lange Warterei könne er gern verzichten.



Der Konvoi aus Rettungswagen und Feuerwehrautos ist an der deutsch-polnischen Grenze angekommen. Ziel ist Lviv.


Zeitsprung: anderthalb Wochen zuvor, an einem kalten Dezembernachmittag an der Place de Paris. Es ist Freitag, die Menschen auf dem Niklosmaart sind in Feierabendlaune, genießen Glühwein und Gromperekichelcher. Der Krieg im Osten des Kontinents ist hier weit weg. Nicht aber für Inna Yaremenko, die für den adventlichen Trubel nicht empfänglich ist. „Ich habe den Weihnachtsmarkt nicht besucht, ich bin einfach nicht in der Stimmung dafür“, verrät sie bei einem Vorbereitungstreffen zum bevorstehenden Hilfskonvoi. Sie schlägt vor, sich in eines der Cafés zurückzuziehen, wo es wärmer und ruhiger ist.

Das Ehrenamt überlagert alles

Seit fünf Jahren lebt die gebürtige Ukrainerin mit ihrem französischen Ehemann und ihrer sechsjährigen Tochter in Luxemburg. Zuletzt erledigte sie die Büroarbeit für ihren Mann. Doch mit dem russischen Angriff auf ihr Heimatland stellte sich auch ihr Leben auf den Kopf: Das Amt als Vizepräsidentin der Asbl LUkraine ist nicht mehr nur ein Ehrenamt, sondern ihre Hauptbeschäftigung geworden.


Seit der großangelegten Invasion der Ukraine im Februar 2022 dreht sich das Leben von Inna Yaremenko hauptsächlich um die Hilfe für ihr Heimatland.

Seit der großangelegten Invasion der Ukraine im Februar 2022 dreht sich das Leben von Inna Yaremenko hauptsächlich um die Hilfe für ihr Heimatland.

Foto: Michael Merten

Das zehrt an Innas Kräften, wie sie auch zugibt: „Jeden Tag höre ich die Frage: Warum tust du das? Du siehst so müde aus.“ Auch zu Hause sei sie oft abwesend, erzählt die 41-Jährige mit melancholischem Blick. Doch sie sieht keine Alternative zu vollem Einsatz, solange dieser Krieg andauert: „Ich will nicht zurückkehren zu einem normalen Leben.“

Ich will nicht zurückkehren zu einem normalen Leben.  

Inna Yaremenko, Vize-Präsidentin asbl LUkraine

Innas Eltern leben in der Ukraine, sie hat dort viele Verwandte und Freunde, verfolgt das Kriegsgeschehen intensiv. So wie LUkraine-Präsident Nicolas Zharov. Der 34-Jährige wohnt mit seiner Familie in Mersch, arbeitet als Manager in einem Orthopädiebetrieb und ist Vertreter der ukrainischen Handelskammer in Luxemburg. Das ist in normalen Zeiten schon ein ordentliches Pensum. Doch jetzt hat auch er eine Art Zweitjob bei LUkraine. „Ich habe im Moment keine Freizeit“, erzählt er.



Ein erstaunlicher Zufall führte dazu, dass ein Luxemburger nicht nur Ambulanzen und Feuerwehrautos in die Ukraine brachte, sondern auch Teddys.


Unzählige Stunden hat Nicolas, der seit 16 Jahren in Luxemburg lebt, in den vergangenen Wochen mit Verhandlungen verbracht. Hat in ganz Europa versucht, gebrauchte Einsatzwagen zu bekommen. Und ist nun, am frühen Morgen des 21. Dezember, sichtlich stolz darauf, dass ein Konvoi aus zwölf Ambulanzen und vier Feuerwehrautos in Richtung Ukraine aufbrechen kann. Darunter sind acht Ambulanzen, die das Corps grand-ducal d’incendie et de secours (CGDIS) gestiftet hat.

Am 15. Dezember wurden vom CGDIS acht Ambulanzen an LUkraine übergeben.

Foto: Chris Karaba

Um acht Uhr früh herrscht Betriebsamkeit vor dem Collection Point von LUkraine in Bascharage. Hilfsgüter werden ins Innere der Ambulanzen geladen; Freiwillige gehen mit Listen umher, letzte Details werden abgesprochen. Schließlich ruft Nicolas euphorisch: „Der Tag ist gekommen!“ Er hält eine kurze motivierende Rede, die mit dem Ausruf „Slava Ukrainii“ (Ruhm der Ukraine) endet. Dann nimmt der Konvoi, bis zur deutschen Grenze von einer Eskorte der Polizei begleitet, Fahrt auf.

Ein Konvoi will gelernt sein

Die Polizeimotorräder fahren voraus und bremsen den übrigen Verkehr aus, weshalb die LUkraine-Fahrzeuge hintereinander bleiben. Das ist eine Annehmlichkeit, über die sich Thomas am Steuer einer CGDIS-Ambulanz mit knapp 140.000 Kilometern auf dem Tacho freut. Er ist noch nie zuvor in Polen oder der Ukraine gewesen. Erst recht nicht in einem Kriegsland. Knapp zwei Wochen vor Aufbruch hat der Kläranlagen-Mitarbeiter von dem Konvoi erfahren und sich freiwillig gemeldet. Dass er Weihnachten weitgehend verpasst, stört ihn nicht; es ist eh nicht sein Lieblingsfest.

Die Helferinnen und Helfer des Konvois.

Foto: Michael Merten

Thomas steht kurz vor der Rente; er hat noch Resturlaub abzufeiern, weshalb die Tour sozusagen den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt darstellt. Doch der ruhige 56-Jährige neigt nicht zu Pathos. Warum er sich gemeldet habe? „Weil ich den Krieg einfach scheiße finde und immer schon was tun wollte.“ Als Abenteuer sieht er die Fahrt nicht: „Wir fahren ja nicht an die Front.“



Eigentlich hätte der Konvoi der Asbl LUkraine schon am Donnerstagabend in Lviv sein sollen. Doch die Situation an der Grenze war schwierig.


Stattdessen geht es zunächst in den Straßenkampf auf den deutschen Autobahnen. Weil die Luxemburger Polizisten nicht mehr dabei sind, heißt es jetzt aufpassen: „Wenn du eine zu große Lücke lässt, kommen die Lkw dazwischen“, sagt Thomas. Doch nicht alle Fahrer sind es gewohnt, in einem Konvoi unterwegs zu sein. „Leute, wir haben uns zu weit verteilt“, schreibt Inna schließlich im Gruppenchat.

Kampf mit der Bürokratie

Nach einigen Stunden verliert ein Teil der Fahrzeuge den Sichtkontakt zu den anderen und biegt an einem Autobahnkreuz in Hessen falsch ab. Hektische Kommunikation setzt ein; bis sich der Konvoi auf einem Rastplatz wieder gesammelt hat, dauert es. Weil auch noch Staus hinzukommen, wird es ein Uhr nachts, bis der Konvoi am Hotel in Zgorzelec an der deutsch-polnischen Grenze ankommt. Die meisten Teilnehmer fallen sofort ins Bett, denn schon um sechs Uhr klingelt der Wecker für das Frühstück.

Auch ein Hund war Teil des Hilfskonvois.

Foto: Michael Merten

Doch der zweite Tag startet mit Verzögerungen: Bei einem Feuerwehrauto gibt es Startschwierigkeiten. Auch das Tanken dauert länger als geplant. So gerät der Konvoi schließlich rund um Krakau in zwei große Staus in der Rushhour. Irgendwann wird allen Freiwilligen klar, dass die Hoffnung, heute endlich etwas früher ins Bett zu kommen, eine Illusion ist. Denn gegen Abend hängt der Konvoi etwa 100 Kilometer vor der ukrainischen Grenze fest: Im Büro einer Feuerwache müssen noch die Papiere für die Grenzabfertigung fertig gemacht werden. Fahrzeug für Fahrzeug – von einem einzigen Mitarbeiter … Das zieht sich bis nach Mitternacht.

Weil ich den Krieg einfach scheiße finde und immer schon was tun wollte.  

Thomas Jankowoy, Helfer

Schließlich wird es 2.40 Uhr, bis sich der Konvoi in die Fahrzeugschlange an der Grenzübergangsstelle Korczowa-Krakowez einreihen kann. Bis alle Formalitäten auf polnischer und ukrainischer Seite erledigt sind, dauert es satte sieben Stunden. Vor der Weiterfahrt erzählt Feuerwehrmann Serge Wagener, der eine von drei weißen französischen Ambulanzen fuhr, wie er an einem Terminal stand und von einer Mitarbeiterin recht zügig abgefertigt wurde.

Das Team um Nicolas Zharov (ganz links) und Chenbau Kim (rechts), den Chef der Fahrer, wartet in einer Feuerwache in Polen auf die Abfertigung.

Foto: Michael Merten

Doch weil die beiden anderen weißen Ambulanzen am Nebenterminal standen, bestand die dortige Zollmitarbeiterin darauf, dass die Autos zusammen behandelt werden. „Wir waren schon durch gewesen, aber dann hat sie alles noch mal annulliert und von vorn angefangen. In langsamerer Geschwindigkeit … Ich werde jedenfalls nie wieder etwas über die luxemburgische Bürokratie sagen.“

Kontrollpunkte und Panzersperren

Statt, wie geplant am Abend des zweiten Tages, sind die Helfer erst am Morgen des dritten Tages in der Ukraine. Jeder kämpft nun mit der Müdigkeit – und mit den eigenen Erwartungen, was hier passieren kann. Hinter der Grenze beginnt schließlich ein Kriegsgebiet. Alle paar Kilometer gibt es einen militärischen Kontrollpunkt. „Das ist meist eine getarnte Metallhütte, die von Sandsäcken und Panzersperren umgeben ist“, sagt der polnischstämmige LUkraine-Helfer Alex Murzynski, der Geflüchteten in Luxemburg zweimal in der Woche Englischunterricht gibt. 



Die Vize-Sprecherin des ukrainischen Parlaments zieht eine Zwischenbilanz des Krieges – und hat eine Forderung an die Luxemburger.


Nach etwa zwanzig Kilometern geht es an der Stadt Yavoriv vorbei. In den dichten Wäldern hinter der Stadt liegt ein Militärstützpunkt, auf dem zu Beginn der russischen Invasion ausländische Soldaten ausgebildet wurden. Doch weil die Russen wohl die Signale der vielen ausländischen Handys orteten, bombardierten sie den Stützpunkt und töteten 35 Soldaten. Dies ist Murzynsky bewusst, doch er sagt: „Ich gehe davon aus, dass unsere rund 20 ausländischen Handysignale kein Problem darstellen werden.“

Am späten Vormittag trifft der Konvoi schließlich in Lwiw (Lemberg) ein, wo zahlreiche Honoratioren versammelt sind. Reden werden gehalten, Hände geschüttelt, Fotos gemacht; ein orthodoxer Pope segnet die Fahrzeuge. Derweil haben die Luxemburger Mühe, sich auf den Beinen zu halten. „Das letzte Stück von der Grenze nach Lwiw war für mich das anstrengendste; da die Augen aufzuhalten, das war schon heavy“, sagt Thomas. Doch dann geht es endlich ins Hotel, wo jeder duschen und etwas schlafen kann. Am Nachmittag besteht dann die Gelegenheit, die Altstadt zu erkunden, bevor ein feierliches Dinner mit lokalen Kooperationspartnern von LUkraine ansteht.

Der Konvoi bei der Ankunft im ukrainischen Lviv, wo es einen Festakt gab.

Foto: Michael Merten

Schließlich lassen die Luxemburger den Tag zusammen mit einigen ukrainischen Feuerwehrleuten, die den Konvoi begleitet haben, in einer Kneipe ausklingen. „Das war Entschädigung genug für alle Anstrengungen“, bilanziert Thomas mit einem Augenzwinkern. Seine Bilanz fällt eindeutig aus: „Nur positiv – auch mit all den Kleinigkeiten, die nicht geklappt haben.“ Der angehende Rentner hat noch keine Pläne für den neuen Lebensabschnitt gemacht; „ich nehme es, wie es kommt“, sagt er. Doch eine Sache steht für ihn fest: „Ich werde mich auf jeden Fall noch mal für einen Konvoi melden.“

Erleichterung und Trauer

Denn dass es eine weitere Hilfslieferung geben wird, daran arbeiten die Verantwortlichen von LUkraine bereits. Nicolas Zharov will noch viele weitere Ambulanzen und Feuerwehrautos in die Ukraine bringen. Doch jetzt ist ihm erst einmal zum Feiern zumute: „Mein Herz ist überwältigt“, sagt er beim abendlichen Umtrunk. Er ist stolz auf die Hilfsbereitschaft der Teilnehmer: „Wir machen einen guten Job genau jetzt, wo es gebraucht wird.“

Wir machen einen guten Job genau jetzt, wo es gebraucht wird.  

Nicolas Zharov, Präsident von LUkraine

Auch Inna ist erleichtert, dass der Konvoi ans Ziel gekommen ist. „Die letzte Nacht war sehr lang, wir hatten Probleme an der Grenze, aber jetzt sind wir hier“, sagt sie. Ausgelassen feiern kann sie jedoch nicht. Stattdessen überwiegt bei ihr Melancholie. Denn Inna kennt Lwiw aus friedlichen Zeiten; sie sieht die Unterschiede zu früher. „Der Krieg ist nicht weit weg … Jeden Moment kann hier irgendwas passieren“, sagt sie.  



Zwischen Kiew, Warschau, Kaliningrad und Moskau touren täglich hunderte Menschen, die noch immer aus Europa ins feindliche Russland wollen.


Am Morgen des 24. Dezember geht es zurück; den Heiligen Abend verbringen die Helfer in einem Kebab in Prag. Kurz nach der Ankunft in Luxemburg am späten 25. Dezember teilt Yaramenko im WhatsApp-Chat ein kurzes Video, das sie mit sechs umstehenden Weggefährten aufgenommen hat. „Ukraine is calling“, sagt sie darin. Die Helfer antworten: „We answer! We answer!“ Man spürt Innas Erleichterung und Freude.

LUkraine-Helfer Chenbau Kim hat den Weitertransport der Fahrzeuge begleitet. Das Foto zeigt ihn bei der Übergabe von Ambulanzen in Mykolajiw, einer Großstadt in der südlichen Ukraine, die vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Foto: privat

Wenige Tage später dann, rund um den Jahreswechsel, erfährt Inna, dass ein Bekannter an der Front gefallen ist: Viktor Onysko, ein ukrainischer Filmregisseur, der eine neun Jahre alte Tochter hinterlässt. „Man sagt, dass Helden nicht sterben. Leider ist das der Fall. Und sie sterben jetzt zu Tausenden und lassen ihre Familien mit unheilbaren seelischen Wunden zurück“, schreibt dessen Witwe Olga Birzul in einem Facebook-Post.



Den ersten Weihnachtstag hat unser Reporter in der Ukraine verbracht, wo die Menschen den Kriegsumständen und Luftalarmen trotzen.


Inna teilt diesen Beitrag. „Was für ein Fest … Was für ein neues Jahr … Ob es nun der 31.12. oder der 1.1. ist, für mich ist das alles gleich … unsere besten Leute sterben jeden Tag“, kommentiert sie. 

Der kurze Moment der Freude über den erfolgreich abgeschlossenen Hilfskonvoi liegt in diesem Augenblick lange zurück.

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